Baumgart geht, Keller bleibt: Wichtig für die Zukunft

Baumgart geht, Keller bleibt: Wichtig für die Zukunft

Nach dem nächsten Dämpfer im Abstiegskampf durch das 0:2 bei Union Berlin ist die Ära von Steffen Baumgart beim 1. FC Köln Geschichte. Zu schwach waren die Auftritte in dieser Saison, zu mager die Punkteausbeute, weshalb Club und Coach nach zweieinhalb Jahren getrennte Wege gehen. Die Entlassung war alternativlos, genauso wie das Festhalten an Christian Keller. Auch wenn viele Fans das anders sehen.

Bei den meisten Anhängern der ‚Geißböcke‘ genießt Baumgart noch immer Kultstatus und Rückendeckung. Ein Argument, das man immer wieder hört: „Mit dem Kader kann kein Trainer der Welt was reißen!“ Klare Kritik an Keller, der nach Meinung vieler FC-Fans seinen Hut nehmen müsste. Doch das ist, mit Verlaub, oberflächlicher Unsinn, der höchstens an den Stammtischen der Kölner Brauhäuser populär ist.

Natürlich ist der Kader nicht dafür geschaffen, um einen einstelligen Tabellenplatz zu spielen. Doch er sollte ohne Wenn und Aber gut genug sein, um drei oder vier Mannschaften hinter sich zu lassen. Bei allem Respekt vor den anderen Teams, doch Heidenheim, Darmstadt, Bochum, vielleicht sogar noch Bremen, Mainz und Augsburg sind maximal mit dem Kölner Kader auf Augenhöhe. In jedem Mannschaftsteil finden sich beim FC Spieler, die den Ansprüchen eines etablierten Bundesligisten definitiv genügen. Und die vorhandenen Offensivspieler sollten allemal besser sein als es die erzielten zehn Saisontore widerspiegeln. Das ständige Fordern eines neuen Stürmers ist zu billig, denn keine Weltklasse 9 würde bei der auf halbhohe Halbfeldflanken angelegten Spielweise, bei der das Zentrum fast nie bespielt wird, regelmäßig das Runde im Eckigen versenken – im Budget des FC liegende Angreifer schon gar nicht.

Hinzu kommt: Keller hat den Kader nicht alleine zusammengestellt. Bei jedem Transfer sitzen die Scoutingcrew und der Chefcoach ebenso im Boot. Und durch Baumgarts Vorliebe für deutschsprachige Spieler war der Kreis der potenziellen Neuzugänge eh schon eingeengt, mögliche hochtalentierte Engländer oder Franzosen fielen somit von vornherein durch das Raster. Wobei Baumgart und Nachwuchstalente sowieso eine Geschichte für sich sind. Zudem war die Aussage des geschassten Trainers, man möge doch bitte Geld besorgen, wenn keins zur Verfügung steht, der klassische Griff in die Taschen eines nackten Mannes.

Keller kann kein Budget herbeizaubern, zumal die Fans den Einstieg eines Investors vehement ablehnen. Er trat seinen Posten mit der Prämisse an, die Scherben seiner Vorgänger aufzukehren und den Club auf ein stabiles Fundament zu stellen. Und genau das macht er. Neben der mehr als überfälligen Sanierung des Geißbockheims und des Nachwuchsleistungszentrums hat der Geschäftsführer Sport die Einführung einer gesunden Gehaltsstruktur zu verantworten, bei der Talente, Ergänzungsspieler und Leistungsträger auch nach dem jeweiligen Leistungsvermögen bezahlt werden. Außerdem hat es der 45-Jährige geschafft, den Frauenfußball so zu gestalten, dass er nicht mehr defizitär ist. Im Übrigen musste der ‚Effzeh‘ seit Kellers Amtsantritt im Frühjahr 2022 rund 1,2 Mio. Euro Strafe wegen Fehlverhalten der Fans zahlen. Auch das sollte jeder bedenken, der vehement neue Spieler fordert.

Jetzt muss sich Keller auf die Suche nach einem neuen Trainer machen. Einer, der der Mannschaft neues Leben einhaucht, mehrere Matchpläne in der Tasche hat und der viertgrößten Stadt Deutschlands wieder einen Fußball präsentiert, der ihrem traditionsreichen Verein gerecht wird.

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